Mut zu Multitalenten in der Arbeitswelt

von Dr. Katrin Roppel

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©Katrin Roppel

Die gute Nachricht: Inzwischen ist viel mehr möglich als vor 10 Jahren, denn der Arbeitsmarkt hat sich verändert. Die Chancen auf einen attraktiven Job stehen gut, nicht nur für junge Absolventen, sondern auch für Quereinsteiger, Aufsteiger, Umsteiger oder ältere Semester. Also nichts wie los, schreibt Initiativbewerbungen und bringt auf den Punkt, welchen Mehrwert ihr bietet!

Gerade das fällt vielen Menschen aber gar nicht so leicht: Beschreiben, was man Besonderes kann, wo genau man einen Beitrag leisten kann, wie man sich im neuen Job einbringen möchte. Und letztlich, wo man sich mittelfristig hin entwickeln möchte, denn ohne Plan, ohne Ziel – oder noch besser Vision – wird es schwierig, so heißt es immer.

Der Personaler als Glücksfee oder Unheilbringer
©Katrin Roppel

In meinen Coachings saßen reihenweise Personen, die nahezu mustergültige, lineare Lebensläufe hatten und trotzdem nicht genau wussten, worin ihre Stärken bestanden und wie ihr zukünftiger Berufsweg aussehen könnte: Abitur, Studium BWL/Ingenieurswissenschaften/Informatik, Auslandssemester, Einstieg in ein namhaftes Unternehmen, erster Aufstieg. Nach kurzer Zeit kam die Ernüchterung über die harte Arbeitswelt, die fehlende Freizeit, die enttäuschten Erwartungen, was man im Arbeitsleben wirklich bewegen konnte. Dann suchten wir gemeinsam nach dem Sinn, den Werten, der Motivation, die den Klienten antrieben und auf einen bestimmten Karriereweg hindeuteten. Meist war das gar nicht so schwer, da die „Inhaber“ solcher Lebensläufe recht strukturierte, geradlinige Menschen waren.

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©Katrin Roppel

Ich selbst bin beispielsweise gar nicht so der lineare Typ. Als Ethnologin interessiere ich mich schon immer für unglaublich viele verschiedene Themen, für fremde Kulturen und habe in die unterschiedlichsten Jobs und Firmen hineingeschnuppert. Meine Stärken zu benennen fiel mir früher schwer. Bin ich deshalb zu wenig fokussiert oder wusste ich nicht, was ich wollte? Ganz im Gegenteil – all diese Erfahrungen nützen mir genau jetzt täglich in meinem Job, aber ich gebe zu, dass mir früher nicht absolut klar war, wofür ich das alles einmal gebrauchen könnte, dass ich aber immer darauf vertraute, irgendwann würde sich der Kreis schließen und es würde alles seinen Sinn machen. Für mich hat das hat nichts mit Planlosigkeit zu tun, sondern ich wollte meinen individuellen Neigungen und Interessen folgen. Es gab immer eine Vision, die aber hin und wieder abgeändert werden musste, weil sich etwas im Leben verändert hatte. Das nennt man Anpassungsfähigkeit oder kreative Lösungskompetenz. Ist es nicht genau die Flexibilität und Fähigkeit, sich auf unvorhergesehene Dinge einzustellen, die im Leben immer wieder gefordert ist?

In Unternehmen unterscheidet man häufig zwischen Spezialisten und Generalisten. Zum Beispiel der HR Generalist ist der Allrounder in der Personalabteilung, er ist für alle Aufgaben zuständig, die im Bereich Human Resources anfallen. Dazu gehören u.a. das Recruiting, Gehaltsverhandlungen, Erstellung von Arbeitsverträgen usw. Der HR Specialist hingegen arbeitet meistens in einem größeren HR Team und hat ein fokussiertes Aufgabenfeld wie beispielsweise die Administration von Employee Benefits oder ähnliches. Wessen Kompetenzen sind jetzt wertvoller, die des Spezialisten oder des Generalisten?

Wie immer kommt es darauf an, was das Unternehmen braucht und welche Voraussetzungen der Mitarbeiter mitbringt. Arbeitet er lieber fokussiert und spezialisiert, möchte seine Kenntnisse in der Tiefe weiterentwickeln und einsetzen? Oder bevorzugt er die breite Range, das gesamte Bild und bringt dabei verschiedenste Talente und Erfahrungen ein?

 

Verschiedene Kompetenzen
©Katrin Roppel

Eine sehr stark ausgeprägte Form der Generalisten, so könnte man sagen, sind sogenannte Scanner-Persönlichkeiten. Der Begriff wurde Ende der 1970er Jahre erstmals von der amerikanischen Autorin Barbara Sher geprägt (sie unterscheidet Scanner und Taucher) und von Anne Heintze in ihrem Buch „Auf viele Arten anders“ wieder aufgegriffen. Scanner sind vielbegabte Menschen, die gerne mehrere Projekte gleichzeitig am Start haben und sich für viele oft gar nicht zusammenhängende Themen interessieren. Es fällt ihnen schwer, an nur einer Sache dranzubleiben, vielmehr versuchen sie manchmal zu viel auf einmal. Scanner sind meist sehr kreativ, lernen und begreifen schnell, sind neugierig und können viele Dinge gut. Sie langweilen sich schnell und gelten dadurch als flatterhaft.

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©Katrin Roppel

Das Problem ist, dass in unserer Gesellschaft, in unserer Arbeitswelt, eine gewisse Stringenz in der Biografie erwartet wird, um einen Menschen und seine Fähigkeiten einordnen und ihm einen passenden Job zuordnen zu können. Der rote Faden im Lebenslauf wird gesucht. Dieser scheinbar fehlende rote Faden bei Scannern macht es schwer, eine Bewerbung stimmig aufzubauen und sich im Vorstellungsgespräch klar zu positionieren, wofür man eingesetzt werden kann. Jemanden nicht konkret einordnen zu können, fällt in Personalabteilungen schwer. In Unternehmen stecken Stellenbeschreibungen klar ab, welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten die jeweilige Position umfasst und welche Qualifikation dafür genau erwartet wird.

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Ein Bewerber, der ein paar Jahre Marketingerfahrung gesammelt, ein Praktikum in einem Gartenbaubetrieb absolviert, in einer Abteilung Kundenprojekte vorangetrieben und dann auch noch Reden und Präsentationen für die Geschäftsleitung eines Unternehmens verfasst hat, ist ein Allroundtalent, das man schwer in eine Schublade stecken kann. Genau dieser Kandidat kann die größte Bereicherung für ein Unternehmen sein: Er denkt mit Sicherheit „out of the box“, da er der lebende Beweis dafür ist. Er macht den kreativen Wurf, baut das Konzept und setzt es auch noch gleich um. Warum eine Idee der Kreativagentur geben, wenn man es gleich selber kann? Warum fachliche Expertise von extern einkaufen, wenn man die geforderten Kenntnisse auf einer der vielen Stationen im Lebenslauf selbst erworben hat? Das ist ein echter Mehrwert für Unternehmen und genau das sollten solche Kandidaten in ihren „Patchwork“-Lebensläufen herausarbeiten. Ein solcher Mitarbeiter gehört nicht in ein großes Unternehmen mit zahlreichen spezialisierten Funktionen und geringer Entscheidungsmacht des Einzelnen. So ein Bewerber kann sein ganzes Potenzial bestens in einem kleineren oder mittelständischen Unternehmen mit flachen Hierarchien, kurzen Entscheidungswegen und offener Unternehmenskultur einsetzen.

bunte Fische fischen
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Dafür braucht es aber Personalleiter, die mutiger sind und nicht in Schubladen denken und Kandidaten, die sich genau ihrer Stärken bewusst sind und selbstsicher darlegen können, wie sie Unternehmen mit ihren außerordentlich besonderen Talenten und Erfahrungen bereichern.

Die Zeichen dafür auf dem Arbeitsmarkt stehen gut. Durch Selbstreflexion und Kreativität finden Menschen mit bunten Karrieren auch ihren Platz in unserem Arbeitssystem – und dieser Platz sollte ein ziemlich guter sein!

 

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